Dem Schneeleoparden so nah
Ein Reisebericht aus dem Herzen Kirgistans
Simone Zahler Althaus
____________________________________________
Es beginnt mit einer E-Mail. Ich finde den Kontakt des Snow Leopard Trusts in Kirgistan – und schreibe, dass wir mit zwei Familien im Juli durch Kirgistan reisen werden und gerne das Naturschutzgebiet nahe der chinesischen Grenze bereisen würden. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten und klingt wie aus einem Abenteuerbuch: Wir können den westlichen Teil eines abgelegenen Flusstals hoch zu Ross erkunden. Argali-Schafe, Steinböcke, Murmeltiere, Geier, Adler – garantiert. Braunbären? Möglich. Wölfe? Eventuell. Und mit viel Glück: einen Schneeleoparden.
Doch der Traum bekommt einen Dämpfer. In der nächsten Nachricht heisst es plötzlich, ein Besuch mit Kindern sei nicht möglich. Ich schreibe zurück, bitte um ein erneutes Überdenken: wir können mit den Kindern auch stationär im Camp bleiben und wandern gehen. Und tatsächlich: Nach einigem Hin und Her und dem Erhalt einer Grenzbewilligung ist der Weg frei.
In Bischkek treffen wir Mitte Juli Kubanychbek Zhumabai uulu, Landesprogrammleiter des Snow Leopard Trust und Direktor der Snow Leopard Foundation in Kirgistan. Er ist offen, herzlich und voller Wissen – seine Begeisterung für die Arbeit mit den Wildtieren ist ansteckend. Die Snow Leopard Foundation in Kirgistan setzt sich für den Erhalt des Habitats des Schneeleoparden ein und organisiert nebenbei Touren, deren Erlös direkt dem Naturschutz in den Berggemeinden zugutekommt.
In Kubanychbeks Büro bekommen wir einen Satellitensender und eine Einkaufsliste. Das Essen sollen wir einkaufen und die Ranger werden dann im Camp für uns kochen. Danach verbringen wir zwei Tage am Issyk-Kul-See, tanken Kraft – und warten auf besseres Wetter.
Die Regenfälle haben die Zufahrt zum Schutzgebiet unpassierbar gemacht, doch einen Tag später wagen wir es: Von Barskoon aus geht es über einen Pass auf über 4000 Metern Höhe. Die Landschaft ist atemberaubend – karg, weit, wild. Am Checkpoint werden wir von zwei Rangern – Omurbek und Ulan - mit Jeeps abgeholt. Sie sind freundlich, herzlich, und sie leben die Werte, die sie schützen. Kubanychbeks und zwei seiner Teammitglieder aus Bischkek folgen uns.
Wir fahren endlosen Wiesen entlang, in denen sich Edelweiss wie kleine Sterne im Gras versteckt, flankiert vom kräftigen Blau des Enzians. Die Kinder lehnen sich aus dem Fenster, rufen aufgeregt Zahlen in den Wind: Murmeltiere! Über 500 huschen, pfeifen, tauchen ab – ein lebendiges Zählen zwischen Himmel, Geröll, Berg und Tal.
Gespannt verfolgen wir die Fahrkünste der Ranger. Sie manövrieren die Jeeps durch Flüsse, wühlen sich über morastige Ebenen, und jedes Mal, wenn die Räder tief einsinken, hängt der Nervenkitzel in der Luft – schaffen wir es oder bleiben wir stecken? Nach sechs Stunden Fahrt sind wir fast da. Doch 200 Meter vor dem Camp: Stillstand. Der Fluss ist zu hoch.
Die Ranger raten zum Warten – am Morgen sei der Wasserpegel niedriger. Wir campieren ohne Kochgelegenheit. Die Nacht ist abenteuerlich: Der Untergrund ist uneben, und die dünnen Matten lassen jeden Stein spüren. Nach wenigen Stunden Schlaf wachen wir im Morgengrauen auf – der Fluss dröhnt noch immer. Kurz fürchten wir, umkehren zu müssen. Doch wie die Ranger vorausgesagt haben, ist er am Morgen zahmer. Wir nutzen das kurze Zeitfenster, denn ab Mittag bringt das Schmelzwasser neue Wucht.
Der Tag beginnt mit kalten Kinderfüssen, die im Bach einen Staudamm bauen – und leuchtenden Kinderaugen. Im Camp auf fast 3000 Metern Höhe beginnt unser Leben im Rhythmus der Berge. Die Ranger durchkämmen unermüdlich die Berge – auf der Suche nach dem Geist dieser Höhen. Während zwei von ihnen mit Ferngläsern und Geduld das Gelände absuchen, stemmen sich die anderen gegen den steinigen Boden und graben eine tiefe Grube fürs provisorische Klo. In den kommenden Tagen betonieren sie Pfosten für eine Solaranlage, stellen ein neues WC-Häuschen auf – doch egal, was ansteht: Ein Auge bleibt stets auf den Hängen. Von der Morgendämmerung bis zum letzten Licht durchstreifen sie das Tal – immer auf der Spur des Unsichtbaren.
In dieser Abgeschiedenheit stossen wir trotz all des Staunens über die Natur an Grenzen: kein fliessendes Wasser, kein Strom, kein Empfang, Blasen an den Füssen bei der Suche nach Schneeleoparden, endlose Hügel, die immer noch höher führen, und für die Kinder ungewohntes Essen. Und doch lohnt sich das Durchhalten – belohnt mit atemberaubender Aussicht, Jassrunden im Licht der Stirnlampe und überraschend vielfältigen Mahlzeiten, gezaubert aus dem Wenigen, das wir dabeihaben.
Freundschaften entstehen: Obwohl beide die Sprache des anderen nicht verstehen, freunden sich der ältere Ranger Omurbek und unser 4-jähriger Sohn an. Aybek erklärt mit Zeichnungen im Sand wie die Nomadenspiele der Kirgisen ablaufen und unterwegs lauschen wir fasziniert Kubanychbeks faszinierenden Erklärungen. Er zeigt uns Kratzspuren von Bären an Murmeltierlöchern, erklärt den Unterschied zwischen Bären- und Wolfskot und schildert anschaulich, wie sich Schneeleoparden verhalten – wo sie jagen, wie sie sich bewegen, paaren und woran man ihre Spuren erkennt.
Auf Spaziergängen und Wanderungen entdecken wir Argali und Steinbockherden, Steinkäuze, Hasen – überall Leben. Nur der Schneeleopard bleibt ein Geist. Und doch: Nächte unter der Milchstrasse trösten über alles hinweg. Ich schleiche mich mit der ältesten Tochter mit der Kamera hinaus, während der Rest der Familie schläft. So klar habe ich die Sterne noch selten gesehen. Ich denke an Aitmatovs Dshamilja – und seine Worte bekommen eine andere Bedeutung: «Wer kennt nicht die Augustnächte mit ihren fernen und doch so nahen, ungewöhnlich hellen Sternen. Selbst die kleinsten Sterne waren deutlich zu erkennen. Einer von ihnen, an den Rändern wie mit Raureif umsponnen in eisigen Strahlen funkelnd, blickte mit naivem Staunen vom Himmel auf die Erde herab»
(Übersetzt aus dem Russischen von G. Drohla).
Fünf Tage tauchen wir ein in eine Welt fernab der Zeit – getragen von Wind, Weite und dem stillen Staunen über die unberührte Natur. Auf der Rückfahrt scouten die Ranger noch ein letztes Mal auf dem Pass, der aus dem Tal führt, in dem wir unser Lager hatten. Ich fotografiere gerade orangefarbene Mohnblumen im Feld, als meine Tochter ruft: «Der Ranger Ulan hat einen Schneeleoparden entdeckt.» Ungläubig eile ich heran. Und tatsächlich: Ein Schneeleopard ist klar durch das Spektiv sichtbar. Majestätisch. Mächtig. Lebendig. Wir beobachten ihn eine Stunde lang – beim Fressen, beim Gleiten über das Geröll, bis er in den Bergen verschwindet.
Ich habe keine Worte für das, was wir fühlen. Vielleicht braucht es auch keine. Denn manche Erlebnisse gehören einfach der Seele.
Abbildungsverzeichnis:
Abb. 1 Martin und Simone beim Fotografieren : Aufgenommen von der Snow Leopard Foundation Kubanychbek Zhumabai uulu am 23.7.2025
Abb. 2 Flussdurchquerung: Aufgenommen von M. Althaus am 19.7. 2025
Abb. 3 Unsere Gruppe: Aufgenommen von der Snow Leopard Foundation Kubanychbek Zhumabai uulu am 23.7.2025
Abb. 4 Omurbek und Aurin: Aufgenommen von M. Althaus am 21.07.2025
Abb. 5 Zelt in der Nacht: Aufgenommen von M. Althaus am 21.07.2025
Abb. 6 Milchstrasse: Aufgenommen von S. Zahler am 22.07.2025
Abb. 7 Der Schneeleopard: Aufgenommen von der Snow Leopard Foundation Kubanychbek Zhumabai uulu am 23.7.2025
Unterstützen Sie die Snow Leopard Foundation:
Die Snow Leopard Foundation führt in Kirgistan verschiedene Schutzprogramme durch. Sie entwickelt Ökotourismus, zeichnet Ranger für Ihren Einsatz gegen Wilderei aus und unterstützt Imkerei sowie das Anpflanzen von Obstgärten. Diese Projekte geben den Gemeinden ein nachhaltiges Einkommen. Um Angriffe durch Schneeleoparden zu verringern, hilft die Stiftung Hirten beim Bau sicherer Viehställe.
Im Sarychat-Eertash-Reservat überwacht die Snow Leopard Foundation Schneeleoparden und ihre Nahrungsgrundlage mit Kamerafallen. So entsteht eine Langzeit-Datenbank, die Forschung und Schutz verbessert.
Zusätzlich fördert die Stiftung die Umwelt-Schulbildung. Sie organisiert Naturcamps für Kinder und stärkt so eine neue Generation von Naturschützern.
Diese Projekte sichern die Zukunft der Schneeleoparden und zugleich die Lebensgrundlagen der lokalen Gemeinschaften.
Danke für Ihre Unterstützung!